Jonas Völpel
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tanzen unter sonnenstürmen

2025



















10.07.22
A5
Von einer Medusa wurde er geküsst. Doch Glück brachte es ihm nicht.


Arles, Anfang/Mitte Juli
Ich sehe einen alten verwirrten Mann, der in die Luft gestikuliert und mit französischen Geistern redet. Meine Theorie, dass ich früher oder später auch mit Geistern reden werde, ob deutschen oder französischen sehe ich ja dann. Die Musik wummert, die Fotokünstler sammeln sich zum egoistischen Reigen. Ich mag nicht rein, doch ich muss.


27.03.22
Ich flaniere mit Musik im Ohr durch Wien. Man sieht mich nicht, ich bin unsichtbar. Ich starre die vorbeiziehenden Menschen an, sie schauen nicht zurück. Ein Auto fährt über den Zebrastreifen und sieht mich nicht. Ich bin unsichtbar.


19. Mai 22
Treffe ich drei vorpubertäre Jungs des Nachts auf der Allerbrücke. »Hallo, fotografieren Sie den Mond?«, er siezt mich. Er hat kurz geschorenes Haar, der größte in der Mitte mittellanges blondes. Er trägt keine Schuhe. »Haben Sie eine Zigarette für uns?«, fragt jetzt der Rädelsführer. Ich verneine es. »Siehst du, er ist Nichtraucher.«, raunt der Große ohne Schuhe. Höflich verabschiedet die Gruppe sich und führt ihren Weg fort durch die leere, dunkle Straße.


Im Scheine des großen Sterns kamen Emma und ich uns näher. Mehrere Runden flatterte sie um meinen Kopf bevor sie in die finstere Nacht verschwand. Kurz darauf hörte ich wieder ihren Flügelschlag. Insekten, viele Insekten. Wenn sie die Katzen nicht aufessen, dann Emma. Was ist das für ein großer Stern?


14.01.24
Hallo Orion. Seid gegrüßt ihr Sterne, die uns seit jeher von oben herab belächeln. Vielleicht seid ihr schon tot. Gestorben vor vielen hunderten und tausenden von Jahren. Es stürmt hier unten. Juttas Bambuseule wackelt und schwingt hin und her. Dunkel ist es auch. Doch Katze kommt und tröstet mich.


29.8.24
Gestern Abend spielte sich eine dramatische Szene in meinem Zimmer ab. Eine dicke Fliege, eben noch fröhlich herum sausend, verhedderte sich in einem Spinnennetz. Ich bekam es erst mit, als ich ein wildes Summen und Brummen vernam. Die Fliege versuchte sich zu befreien, während die viel kleinere Spinne sich ihr vorsichtig näherte, sehr wahrscheinlich wissend, dass sie physisch im Nachteil ist. Das Summen war ein lang anhaltendes Hoch nach Tief. Mit der Zeit wurde dieses Summen immer kürzer, bis es schließlich komplett verstummte. Bemerkenswert, dachte ich. Egal wie klein das Lebewesen, alle versuchen eigentlich nur zu überleben in dieser Welt.

25.12.23
Der Mond taucht das Draußen in silbernblaues Licht, zwei Katzen haben einen Streit. Es klingt gruselig in der sonst so stillen Nacht. Ein ferner Hund meldet sich zu Wort. Vielleicht verlangt er Ruhe, man könne nicht schlafen. Tante Lisa ist gestorben. Sie sei im Altersheim wohl nochmal aufgeblüht und besuchte ein kleines Konzert dort. Danach kehrte sie in ihr Zimmer zurück und schlief ein. Sie wachte nicht mehr auf. Als ich von Tante Lisas Tod erfuhr, fühlte ich vor allem eins: Reue. Reue, weil ich sie nicht besuchte, wenn ich an ihrem Haus vorbei lief. Wir gingen heute zu Alfreds Grab. Ich tat nie mein Beileid kund. Sie wohnte um die Ecke, doch klingelte ich nie an ihrer Tür. Außer als ich erfuhr, dass sie eine Kamera für mich über hätte. Ich benutze sie bis heute. Lisa spielte eine große Rolle in meiner Kindheit, in unserer Kindheit. Seitdem vernachlässigte ich sie. Wie ich Oma vernachlässigte. Mögen sich die beiden irgendwo wiedertreffen. Dort wünsche ich ihnen alles Gute.


8.1.23
Ich sitze auf einer Bank in der Heide und trinke ein köstliches Bier. Die Sonne ist hinter den Baumwipfeln verschwunden und lässt einen blassgelben glühenden Streifen zurück. Ich versuche seit längerem einen kindheitlichen Tatort zu bebildern. Doch ehe ich diesen Ort erreiche, ist der Film voll, ist mir kalt, gebe ich schnell auf. Als würde mir dieser stille Ort es mir verbieten, sich quer stellen. Die letzten Tage waren nicht gut. Morgens im Bett muss ich mich überwinden überhaupt aufzustehen. Mein Hinterkopf ist überladen mit Aufgaben, die ich erledigen müsste. Keine davon packe ich an. Ich überfrage mein Sein und ob es einen Sinn gibt warum ich jetzt aus dem Bett kriechen sollte. Posttraumatische Belastungsstörung, Rückkehr zum Ort des Geschehens. Holy Moly! Nach dem Bier fühl ich mich direkt verkatert.


Mitte Mai 24
Ein Impuls traf mich. Ich möchte nicht mehr sein zwischen eurem Chaos, zwischen meinem Chaos. Ernsthafte Gedanken ob ich einen Abschiedsbrief schreibe, in meinen Bus steige und abhaue. Völlige Überforderung. Seit Tagen weht ein starker Wind, heute weht er noch stärker. Alles bauschte sich auf bis zum heutigen Tag. Der Kuckuck ruft, seine Stimme wird krächzender, kratziger, lauter, schiefer. Vielleicht schmeißt er wieder Küken aus dem Nest. Der Platz wird enger, je größer man wird.


20.09.25
Ich fange an mich zu zersetzen. In den letzten Monaten habe ich sichtbar abgenommen. Meine Haut zerfleddert, meine Haare sind fettig, alles juckt und spannt. Ich fühle mich wie ein runter gefallener Apfel, der zu gammeln beginnt.


29.10.25
Meine Haut juckt an jeder Stelle, die etwas mit dem Kopf zu tun hat. Vielleicht weil es dem Kopf nicht so gut geht.


01.06.23
Der König der Silberfische, wie alt mag er sein? 100 Tage? 100 Jahre? Er zeigt sich mir, in seiner vollen Größe und Länge. Behutsam krabbelt er aus dem Kleiderhaufen, macht einen großen Bogen und kriecht in ein auf dem Boden liegenden Handtuch. Ich ziehe ein wenig meine Füße weg. Welch eine Ehre! Your Royal Highness! Lang lebe der König der Silberfische! In seinem kühlen gekachelten Königreich.

07.07.23
Er macht einen Wheelie auf dem Bahngleis. Der ganze Zug staunt. Was soll man auch machen, wenn die Bahn schon wieder stehen bleibt in Wattenscheid. In Wattenscheid kenn ich niemand. Niemand kennt mich in Wattenscheid. »Warum fährt dieser Wichser nicht?«, fragt der eine. Eine Frage, die ich mir heute allzu oft stelle. Er wirft sein Haar mit einer hektischen Kopfbewegung zur Seite. Der Sitz wackelt. Der Kopf wackelt. Wackeln Zähne? Hoffen wir nicht. Hauptsache gesund!


08.02.23
Beobachtung aus dem Zug. Tumult bei den Obdachlosen am Parkhaus. Ich sehe wie ein Mann - Jogginghose, dünne Jacke, diese komische hohe, oben flache Mütze - eine Frau belästigt. Er nähert sich unangenehm nah ihrem Gesicht, versucht sie zu küssen. Sie dreht sich weg. Das treibt ihn zur Weißglut. Er droht ihr mit der Faust, während er seine Visage vor ihre schiebt. Macht Andeutungen, holt seine flache Hand weit aus. Schließlich küsst er sie auf ihre vorgedrehte Wange. Er bekommt sie zu packen und bumst sie von hinten an. Ein reudiger Hund. Tauben fliegen durchs Bild, zwei landen auf dem Zaun neben dem Gleis. Er: tanzt, dreht sich stolz. Sie: fliegt weg. Liebe liegt in der Luft an diesem sonnigen Februartag. Versteckt hinter Müllcontainern werfen zwei junge Frauen Körner aus. Ein wilder grauer Kreis aus Stadttauben bildet sich. Ich meine die Taubenfütterin zu erkennen. Das ist doch die Taubenretterin aus dem Taubenretterfilm. Wild. Stockend rollt der Zug los. Mein Blick schweift ein letztes Mal über den Raschplatz.


02.07.23
Ich lasse die Tauben tanzen. Sie drehen sich um die eigene Achse. Mit gesenktem Kopf. Ich tue es ihnen gleich. Wir drehen uns zusammen gegen den Uhrzeigersinn. Als würden wir die Zeit zurückdrehen wollen.


25.07.24
Ameisen. Ich sehe meine Mutter vor der Wand stehen. Sie zerdrückt sie einzeln mit den Fingern. Ich sitze im Wohnzimmer. Sie klettern auf mir rum, ich puste sie weg. Ich grübel, ich werde keine Ameisen killen.


16.8.24
Ungefährer Lautwort
»Holunderbeeren sind das Allerschönste unter dem Schönsten, was man schön finden kann.«
-Mama


9.8.
Sie vermisst ihren Sohn. Er vermisst seine Mutter.


5.4.25
Ich sah ein wunderschönes Schneckenhaus auf dem Bordstein und packte es ein. Als wir uns auf den Weg zum Krankenhaus machten, merkte ich, dass ich mich auf das Schneckenhaus gesetzt hatte. Leider lebte noch eine Schnecke im Haus. Die Schnecke war tot und meine Mutter auch.


4.5.25
In Mamas Hirn wuchs ein Tumor. Er breitete sich aus. Er begann in Mamas Hirn, ging über auf die Zimmerpflanzen, die Fische im Aquarium, die Katzen, das Haus, auf uns. Wir sind dabei den Schaden zu beheben. Oder wenn nicht zu beheben, dann zu begrenzen. Der Tumor liegt zwei Meter unter der Erde. Doch seine Anwesenheit ist noch spürbar.


Meine Ohren rauschen
meine Füße frieren.